Ronald Schenkel
Aufenthalte in Grenzbereichen, in Bereichen ambivalenter
Wahrnehmung sind in
der Regel nicht ungefährlich, sie sind aber auch bedeutend spannender, als
auf dem sicheren Terrain nur im Rahmen eingeübter Techniken zu experimentieren.
Tamara Bialecka hält sich vorzugsweise dort auf, wo andere sich aus mangelnder
Trittsicherheit kaum hin wagen, zuweilen hart an der Grenze des Kitsches, auf
jeden Fall dort, wo unterschiedlichste Techniken sich treffen, wo Materialien
aus einem gewohnten Kontext in einen anderen hinüberwechseln und damit auch
gleich eine Sinnwandlung erfahren. Tamara Bialeckas Kunst ist angenehm
und erfrischend, wenn auch ihre Themen so neu gar nicht erscheinen: Ihre Arbeiten
kreisen um den Menschen, die Natur und die Gesellschaft, wobei gerade die Abwesenheit
des natürlich Lebendigen thematisiert wird - auf eine verblüffend poetische,
zuweilen aber auch recht erschreckende Art.
Zu ihren letzten, eindrucksvollsten Arbeiten gehören Objekte mit dem Titel "Aquarium".
In Polyesterwürfel hat sie Algen, Korallen, Fische und Muscheln eingegossen.
Die Objekte sind von innen beleuchtet, so dass man sie ohne weiteres auch als
Lampen verwenden könnte. Die eingegossenen Pflanzen und anderes organisches
Material ist in den Polyesterkörpern auf unbestimmte Zeit konserviert. Man
denkt an die Konservierung urzeitlichen Lebens in Bernstein, von Leben, dass
es heute nicht mehr gibt. Tamara Bialeckas Aquarien sind denn eine Vorwegnahme
der Erinnerung, eine Vorwegnahme des Ausgestorbenseins.
Ähnlich wirken auch die "Fundstücke", in Kunstharz eingegossene
Tiere, Blumen, Pflanzen, aber auch Abfälle. Während die organischen
Körper in den diesmal trommelförmigen Formen verewigt wurden, haben
chemische Reaktionen stattgefunden. Luftblasen sind entstanden, die ebenfalls
als Bestandteile der Objekte zu verstehen sind, wenn auch zufällig aufgetreten,
zum ästhetischen Ganzen gehören. Denn diese Blasen sind Zeichen einer
Lebensäusserung, als hätten die eingegossenen Wesen ein letztes Mal
ausgehaucht: Was Tamara Bialecka zeigt, sind eine Art moderne Stilleben, jedoch
keine Natur morte, sondern eher Nature mourante, eine sterbende Natur; und so
dekorativ die Aquarien wirken, so erschreckend sind schliesslich die "Fundstücke" in
ihrer stummen Melancholie.
Agonie ist in gewisser Weise Thema auch einer Reihe von venezianischen "Veduten".
Auf Plexiglasplatten sind die architektonischen Postkartensujets der Lagunenstadt
als weisse Silhouetten in Schaukästen zu sehen. Die Plexiglasplatten stehen
allerdings in verschiedenen gefärbten Flüssigkeiten, Flüssigkeiten,
die unschwer mit der trüben Brühe in den Kanälen Venedigs zu assoziieren
ist. In den Flüssigkeiten schwimmen überdies kleine Figuren und Miniatur-Modelle.
Tamara Bialeckas Venedig-Bilder setzen der Verklärung der Lagunenstadt ein
herbes Ende, wobei es recht vergnüglich ist, sich der einzelnen "Schwimmer" näher
anzunehmen.
Aber Tamara Bialecka kann auch anders, handfester. Auf einer runden Tischplatte
ist eine Weltkarte dargestellt. In den Kontinenten und Ozeanen stecken Gabeln
und Messer gieriger Esser. Stühle, an deren Lehnen die Flaggen einiger streitbarer
Nationen des Globus angebracht sind, umstehen den Tisch. Es scheint, dass das
Essen abrupt zu einem Ende kam, die Esser ihre Plätze aufgaben und das Besteck
einfach im letzten Happen stecken liessen. Was die Tafelgesellschaft aufgescheucht
hat, bleibt unerklärt. Es könnte jedoch auch sein, dass die Esser sich
selbst aufgegessen hätten, und so kehrt in Bialeckas - beim ersten Hinschauen
etwas moralisch-didaktische - Installation ein zugegebenermassen schwarzer Humor
zurück.
Tamara Bialecka erspart uns den erhobenen Zeigefinger. Ihre Kunst ist nie bloss
politisch, bloss gesellschaftlich, bloss privat. Die Verstrickung des Einzelnen
in eine Geflecht der Beziehungen zu einer vielfältigen und auch verwirrenden
Umwelt scheint in ihren Arbeiten auf - und damit die Widersprüche, die diese
Umwelt prägen. Das Verhältnis des Menschen zur Natur, zur Technik,
zu sich selbst wird in ihren Arbeiten zuweilen zur grotesken und auch erschreckenden
Tour d'Horizon über eine sich selbst entfremdete Welt.
Die Verwendung von allgemeingültigen Topoi hat dabei System. Der Betrachter
erkennt in ihnen Bekanntes zwar wieder, doch das Material, und vor allem die
Konsequenz mit der Tamara Bialecka Bilder und Metaphern ausreizt, entpuppen die
Absurdität, ja das Grauen hinter so manchem hübschen Stereotyp. Für
Tamara Bialecka ist denn Seele eine gläserne Wolke, die über dem Bild
eines Schläfers schwebt, und durch das "Auge im Brunnen" blickt
man nicht in ein tiefes Märchengeheimnis, sondern - ist der Videofilm abgelaufen
- auf die unendlich trostlose Scheibe eines Bildschirms.
Tamara Bialecka ist vielleicht eine der wenigen KünstlerInnen, die in einer
grundsätzlich sinnkritischen Zeit Inhalte zu transportieren vermögen,
die Aussagen zu machen wagen, ohne plakativ zu wirken, ohne ihrer Kunst Gewalt
anzutun. Dass dies möglich ist verdankt sie wohl zu allererst ihrer Unerschrockenheit,
der Unerschrockenheit, sowohl mit den unterschiedlichsten Materialien zu arbeiten,
wie auch sich ständig neu und mit kritischer Neugierde einem Klischee oder
einer Metapher anzunehmen.
Ronald Schenkel, 1999
|