Giuseppe Curonici
Das Bewusstsein von Zeit ist das neue Element in den polymateriellen
Kompositionen von Tamara Bialecka. Polymaterielle Kunst basiert üblicherweise
auf einer Gleichzeitigkeit. Eine Collage aus Holz, Glas, Metall und anderen
Materialien, ein Flechtwerk aus Substanzen und Formen, die sich zusammen und
zeitgleich darstellen. Die Philosophie lehrt uns, dass die Zeit eine der
grundlegenden Formen aller menschlicher Erfahrung ist. Nun stellt die Kenntnis
von Zeit im polymateriellen Werk eine Bereicherung an Bedeutungen dar und
verändert die Vision.
Die von Tamara Bialecka behandelten Themen sind jene der existentiellen
und sozialen Bedingung unserer Epoche. Wir treffen auf einige universelle
Werte: Das interne Leben des Gedankens und der Impulse, Liebe, Brüderlichkeit,
Wunsch nach Frieden. Diese werden jedoch durch die zeitgenössischen
historischen Bedingungen berücksichtigt; das technologische Zeitalter,
die Globalisierung, das Empfinden von Risiko und Gefahr, die Komplikationen
bei den menschlichen Beziehungen mit anderen, mit dem Anderen.
Eines ihrer Werke stellt ein grosses weiches und rosafarbenes Kissen dar,
geschmeidig, wie ein lebendes Blütenblatt. Hier wird eine trügerische
unerbittliche Zärtlichkeit ausgedrückt: So befindet sich darüber
eine mit Stacheln versehene Kugel (nicht die Dornen der Rose, sondern gegen die
Rose), deren Form der Künstlerin durch ein Folterinstrument suggeriert wurde,
einem schrecklichen in einem Museum gefundenen Morgenstern. diese Montage aus
Materie und Gegenständen nehmen eine symbolische Funktion an, weil sie
nicht direkt vorhandene, nicht sichtbare Ereignisse erzählen, deren
Wahrheitsgehalt wir jedoch kennen. Das grundsätzliche Paar Liebe und Tod
wurde zu einem Fleisch ähnlichen Blütenblatt-Kissen und der Waffe,
Zärtlichkeit und Gefahr. Die Überlegung ist gleichzeitig rational,
intuitiv und emotional: Warum beispielsweise ausgerechnet dieses Rosa und
keine andere Farbe?
Die Zeit der Vergangenheit, unterstrichen durch leidenschaftliche Evokationen
von Monumenten aus der Antike, gibt den Arbeiten von T. Bialecka menschlichen
und historischen Tiefgang. Die Zeit ist die des inneren, persönlichen und
subjektiven, aber auch intersubjektiven Lebens. Im Kollektiv gelebte Zeit,
Zeit der Geschichte einer uns unterstützenden und unterdrückenden
Zivilisation. Ihrerseits ist die Zeit humaner Ereignisse, kurzer oder langer
Dauer, in die Zeit der Natur eingeordnet, die lang, fast unendlich lang ist.
Die Künstlerin erzielt Kunstwerke mit dieser Bedeutung durch historische
oder mythische Bilder antiken oder gar vorzeitlichen Ursprungs, die sie mit den
Substanzen der direkten Aktualität und fast ohne Vergangenheit kombiniert.
Das Erscheinen eines griechischen Gottes in einer modernen polymateriellen
Kompositionen besitzt eine surrreale Wirkung, eine dem Traum gleiche Mischung
von Bildern. Diese psychologische Verflechtung geht von der Überzeugung
aus, dass das Leben nicht improvisiert, sondern seine Vergangenheit mit sich
trägt. Das Kronos betitelte Werk ist ein Stahlrahmen, der zwei Kugeln
einer riesigen gläsernen Sanduhr trägt. In der unteren Kugel befindet
sich eine Bronzebüste von Poseidon aus dem 5. Jh., aus dem Nationalmuseum
in Athen, eines der nobelsten Häupter der klassischen Antike. Die
vorbereitenden Arbeiten sind aussergewöhnlich. T. Bialecka hat eine
Gipskopie der Büste hergestellt von Poseidon, der Neptun ist, die
Personifizierung des Meeres, des Wassers. Ihn hat sie in der Erde begraben und
fünf Jahre dort ruhen lassen, um zu verfallen, sich zu verschleissen.
Anschliessend hat sie ihn exhumiert. Unten in der Sanduhr erblicken wir das
Haupt des alten Wassergottes, von der Erde rosafarben.
Das Herbeibringen von weit entferntem und tiefem betrifft nicht nur die
kulturellen Inhalte historischer Zeiten, sondern auch die urzeitlichen des
Bewusstseins. Wir stehen vor den Urtypen, also den mythischen Bildern, die durch
verschiedene Orte und Epochen gleichbleibend sind und mit einer tiefen Stimme in
uns einige grundsätzliche Notwendigkeiten unserer Existenz heraufrufen.
Eines dieser archetypischen Bilder ist das fliessende Metall, Quecksilber.
Die Künstlerin hat es in ein Werk aus transparentem Material eingesetzt.
Erforderliche Schritte und Techniken haben der Künstlerin anschliessend
nahegelegt, das schwere, flüssige und glänzende Quecksilber mit einem
System aus Stahlkügelchen zu ersetzen, die in ihrer Gesamtheit auch eine
fliessende, schwere und glänzende Masse bilden. Hinsichtlich der Bedeutung
von Quecksilber zitieren wir natürlich aus dem Buch von C.G. Jung: Die
Psychologie des Transfers, 1946, Teil 2, Beitrag im Rosarium Philosophorum,
Kap. 1 Die Quelle des Quecksilbers: "Diese flüssige Substanz mit
allen ihren paradoxen Eigenschaften stellt das in sie projizierte Unbewusste dar.
Das Meer ist ihr statischer Zustand, die Quelle ihrer Aktivierung, der Prozess
ihre Transformation." In Kap. 4 greift er die mythische Idee des
Quecksilbers erneut auf, "psychische Substanz, die wir heute mit unbewusste
Psyche bezeichnen." Wir verspüren in ihr alle Möglichkeiten und
vitalen Energien" (frei übersetzt aus dem Italienischen).
Das Herbeibringen der Mythologie in nicht-konservativer Gestalt, sondern
vielmehr als interne Animation und meditative Revitalisierung, war im 20. Jh.
vor allem Werk der Surrealisten (und von Picasso, der fast alle Bereiche
berührte). Tamara Bialecka hat den Wert intuitiv verspürt. Sie hat
sich durch die aggressive Traurigkeit der Maschinen ohne Vergangenheit einen
Bereich geöffnet und begibt sich in Richtung Risiko und Liebe des Lebens.
Nun wird die Darstellung der Zeit eine Erwartung, eine Zukunft.
Giuseppe Curonici, 2001
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